Camillo_Sitte_b269_col.jpg (34468 Byte)Wer war Camillo Sitte?

Die Camillo Sitte Lehranstalt wurde nach dem großen Architekten benannt.

Er lebte von 1843 bis 1903 und gilt als Wegbereiter der neuzeitlichen Städtebaukunst. Als ehemaliger Direktor unserer Vorgängerschule erweckte er das Interesse am Gesamtbild alter Städte und verband sie in Theorie und Praxis mit der modernen Stadt. Seine Erkenntnisse und Aussagen zu Raumbildung und Raumfolge haben bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Nur wenige Schulen dürfen sich nach einer solchen Persönlichkeit nennen. Für die Camillo-Sitte-Lehranstalt ist diese Auszeichnung ein Auftrag, den hohen Anspruch Camillo Sittes in Theorie und Praxis fortzuführen.

Das späte 19. Jahrhundert

Von 1870 an entwickelten sich die Großstädte endgültig zu dem, was sie heute sind – unbrauchbare Lebensräume. Niemand kann sagen, wann und ob der ungeheure Verschleiß an Zeit und Nerven abnehmen wird, und ob die Unfähigkeit, eine würdigere Lebenshaltung zu erreichen, jemals überwunden wird.

Städte kann man nicht wie verbrauchte Maschinen wegwerfen; sie sind allzu sehr mit unserem Schicksal verknüpft Es ist heute schon klar, dass der Missbrauch des Lebens, zu dem sie führen, sich gerächt hat, und dass dieser typisch provisorische und fiebrige Zustand verringert werden muss. Ob Einsicht oder Katastrophen hier eingreifen, lässt sich nicht voraussehen.

Es hat nicht an Reformversuchen gefehlt. Schon 1883 hat die Society of Arts, die Vereinigung, die die Weltausstellung von 1851 in London organisierte, 1.200,- Pfund als Preis für Vorschläge zum Neuaufbau des Stadtkerns von London und zum sozialen Wohnbau ausgesetzt.

Camillo Sittes Reformversuch

Auf dem Kontinent war die Reaktion auf die unüberschaubar langen Straßen und ihre vielstöckigen Miethäuser nach Haussmanns Pariser Vorbild nicht ausgeblieben.

Der Wiener Stadtplaner Camillo Sitte (1843 – 1903) schlug 1889 – wie die Kunsthandwerker vier Jahrzehnte zuvor – eine Rückkehr zu den Methoden mittelalterlichen Städtebaus vor. Sitte sah in dem organischen Wachstum der mittelalterlichen Stadt einen Weg zur Humanisierung der heutigen Stadt. Er unternahm eingehende Analysen von nordischen, südlichen, romanischen, gotischen, Renaissance- und Barockstädten. Was ihn beschäftigte, war der Sinn für die Organisation des Außenraumes, der in ihrem Aufbau zum Ausdruck kommt. Er fand sie in der Art, wie die Straßen in Plätze münden, in der Beziehung zwischen dem Platz und der Kirche oder dem Rathaus und im freien und wohlüberlegten Gleichklang aller Elemente in diesen städtischen Organismen.

Camillo Sitte spürte wie jeder andere, dass die Gesetze des Städtebaus im lakonischen Satz Aristoteles' enthalten sind: "Städte sollen so gebaut sein, dass sie ihre Bewohner schützen und gleichzeitig glücklich machen". Heute teilen viele die weiteren Überzeugungen Sittes, dass die künstlerischen Probleme, die beim Städtebau auftauchen, ebenso wichtig sind wie die technischen.

Camillo Sitte hatte die besten Absichten. Er versuchte die Monotonie und die künstlerische Leblosigkeit der typischen Stadt des späten 19.Jahrhundert zu überwinden. Ihre Mängel sah er deutlich, aber die Maßnahmen, die er zu deren Behebung vorschlug, waren nur Linderungsmittel. Das Zentrum von Plätzen zu räumen und alle Statuen und Monumente an den Ecken aufzustellen, Gärten in den Hof von Wohnblöcken zu verlegen anstatt an geschäftige öffentliche Plätze, der Bau von hohen Mauern, um Parks von Straßengeräuschen zu isolieren, all das waren nur oberflächliche Reformen

Solche Vorschläge zeigen das Ausmaß, in dem der Stadtplaner den Kontakt mit seiner Zeit verloren hatte. Er war eine Art Troubadour, der mit seinen mittelalterlichen Liedern des Getöse der modernen Industrie übertönen wollte.

Im späten 19. Jahrhundert verlor sich der Stadtplaner, ebenso wie der populäre Maler, in der Gestaltung von Idyllen. Auch war er nicht fähig, in dem notwendigen Maßstab zu arbeiten. Das Leben bewegte sich in eine ganz andere Richtung.

 

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